I’m Not Afraid
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Der flämische Chansonnier, Komponist, Schauspieler und Regisseur Jacques Brel (1929-1978) gilt bei vielen noch vor Yves Montand, Charles Asznavour oder Gilbert Bécaud als so etwas wie ein Sinatra des franzöischsprachigen Bereichs. In jedem Falle war er einer der begabtesten und vielseitigsten, aber auch mitreißendsten Sänger, den das Genre im letzten Jahrhundert gekannt hat, und so finden sich auch Spuren seines Werkes bei Sinatra.
Brel war seit Mitte der Sechziger Jahre, auf dem Höhepunkt seines Erfolges angekommen, eng mit Rod McKuen befreundet, dem amerikanischen Pop-Poeten und Sänger, der Sinatra-Freunden vor allem als Schöpfer des Reprise-Albums „A Man Alone“ (aufgenommen 1969) bekannt ist. McKuen übersetzte viele Chansons von Brel ins Englische, zum Beispiel seinen Hit „Ne Me Quittez Pas“, den Sinatra als „If You Go Away“ 1969 mit Don Costa einspielte (auf dem „My Way“-Album zu hören). McKuen trägt bis heute viele Lieder von Brel in seinen Konzerten vor, zuletzt mit großem Erfolg im Frühjahr diesen Jahres in der New Yorker Carnegie Hall.
Unser neues Thema soll aber ein anderer Brel-Mc Kuen-Song sein, den man wohl zu den am wenigsten beachteten Aufnahmen Sinatras zählen muß: „I’m Not Afraid“. Brel und sein Pianist Gerard Jouannest hatten das Chanson 1967 geschrieben; drei Jahre später schrieb Rod McKuen in Absprache mit seinem Freund Brel einen völlig neuen englischen Text dazu, mit dem er Sinatra sogleich überzeugen konnte, das Lied einzuspielen.
Sinatras Aufnahme entstand am 28.11.1970 bei einer der letzten Reprise-Sessions vor dem „Retirement“. Das für Sinatra sehr ungewöhnliche Arrangement im Dreivierteltakt steuerte Lennie Hayton (1908-1971) bei, ein Veteran der frühen Big Band-Ära, mit dem Sinatra schon 1946 und 1949 bei den Filmsoundtrackaufnahmen für die MGM-Musicals „Till The Clouds Roll By“ und „On The Town“ zusammengearbeitet hatte. Hayton, der seit 1947 mit der weltweit berühmten Jazzsängerin Lena Horne verheiratet war, starb nur wenige Monate später; dies ist eine seiner letzten Arbeiten.
Sinatra selbst kam nie mehr auf das Stück zurück, das es aber immerhin auf eines der während seines zweijährigen Rückzugs vom Showgeschäft erschienenen Reprise-Sampler schaffte und auch als Single herauskam, ohne nennenswerte Beachtung zu finden.
Infos: Bernhard Vogel
Diskographie:
REPRISE-STUDIOAUFNAHME vom 28.11.1970
aufgenommen in Hollywood, Goldwyn-Studios
Arrangement: Lennie Hayton
Orchester geleitet von Lennie Hayton
Reprise-Single 1011 (Rückseite von „Life Is A Trippy Thing“)
Album/CD: Greatest Hits Vol. 3 (Reprise LP) bzw. „...Vol. 2“ (Reprise CD).
Auf der Reprise-Box: CD 15 track 17
Stimmen zum Song:
Alfred Terschak:
Tja, zu diesem Song hate ich ein herziges Erlebnis: "I'm Not Afraid" gehört für mich heute zu den Sinatra-Highlights, das aber erst seit eher kurzer Zeit. Für mich entdeckt habe ich es erst in jenem Lokal, das manche von Euch ja bald kennenlernen werdet. Da läuft der Song sehr of, worauf ich eines Tages zum kubanischen Barkeeper, meinte, der Song gefällt mir ganz besonders gut, ich weiß aber nicht warum, worauf er schmunzelte und wissend sagte: Du bist Wiener, der Dreivierteltakt liegt Euch im Blut ...
Klar ist der Wiener Walzer für uns etwas besonderes. Kultivierte Wiener belegen in ihrer Jugend einen Tanzkurs, alleine um den Unterschied zu sehen, "Wir gehen in die Tanzschule". Besonders viel lernen wir dort zwar nicht, aber einen ordentlichen Linkswalzer bekommen wir auch im hohen Alter noch hin.
Um wieder zurück zum Song zu kommen: Er ist zwar nicht der einzige moderne Song im Dreivierteltakt, aber eben einer der ganz seltenen modernen Wiener Walzer, noch dazu einer, bei dem man wirklich übers Parkett fliegt. Es ist auf alle Fälle eine ganz großartige Nummer, und typisch für Frank, mal wieder eine unterschätzte B-Seite, die durchaus auch das Zeug zum Welthit gehabt hätte.
Flott, spritzig, frisch, melodiös, was Neues, aber doch auch an Traditionen anknüpfend. Tolle Nummer, schade für die Welt, daß sie den Song (noch) nicht entdeckt hat.
Andreas Est:
Ein wunderbares Lied, wie meist von FAS genial interpretiert. Der langsame Beginn und die anschließende Steigerung bis zum großartigen Finale, einfach nur schöööööööööööööööööööööön.
Andreas Kroniger:
Obwohl das Album "Frank Sinatra´s Greatest Hits Vol. 2" zu meinen ersten Plattenkäufen gehörte, hatte ich "I´m not afraid" nicht "im Ohr". Neben Songs auf dem Album wie "My Way", "Cycles", "Something" oder "What´s now is now" geht "I´m not afraid" auch einfach unter. Der Song schwankt für mich zwischen dem tanzendem Paar, das Jupp schon vor Augen hatte, und einer Kirmeskapelle (!). Letztendlich kann ich aber zustimmen, dass der Song schön ist, was aber wenig aussagt. Sinatras Interpretation ist über jedem Zweifel erhaben, das Arrangement von Leenie Hayton ist eher grauenhaft.
Tim Bialek:
Der 3/4 Takt ist selten bei Frank, aber seine Versuche darin sind nicht minder interessant. Man denke auch an "I Love My Wife" oder "Falling On Love With Love."
Auffallend bei diesem Lied sind die stete Steigerung von Lautstärke und Tempo, etwas, das manchmal etwas gewollt wirkt. Sinatras Stimme erinnert in ihrer Softheit zunächst fast an das erste Jobim-Album. Nachher wird es reichlich übertrieben bombastisch und für ihn ist der Ton bei "I'm sorry..." gegen Ende fast zu hoch.
So, wie der ganze Chart beschaffen ist, erinnert er irgendwie an Zirkuslied; ist nur meine momentane Empfindung.
Insgesamt durchaus beachtenswert und fast wieder neu für mich, weil so lange nicht gehört, aber sicher kein Highlight.
