Let’s Get Away From It All
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Für das Orchester von Tommy Dorsey und seinen damaligen Leadsänger, Frank Sinatra, schrieben der jüngst verstorbene Matt Dennis (1912-2002) und sein Partner Tom Adair (1913-1988) Anfang 1941 das Lied „Let’s Get Away From It All“. Sy Oliver steuerte das Arrangement bei, und bei einer Reihe von Live-Auftritten im „Meadowlands“-Klub in Cedar Grove, New Jersey, stellte die Band den Song im Februar 1941 erstmals der Öffentlichkeit vor (=Version #1). Aus der Feder von Dennis & Adair stammen auch weitere bekannte Sinatra-Songs, z.B. „Violets For Your Furs“ oder „Last Night When We Were Young“. Matt Dennis wurde durch seinen Song „Angel Eyes“ sogar weltberühmt.
Eine Woche später nahmen Dorsey & Co. das Stück dann auch im Studio auf (= #2). Die Single, die dabei herauskam, war insofern bemerkenswert, als daß die Komposition mit 5:11 Minuten deutliche Überlänge hatte und deswegen auf beide Seiten der Schallplatte verteilt werden mußte! Trotzdem erreichte die Single #7 in den Billboard-Charts. Neben einigen Instrumentalsoli und natürlich Sinatra sind Connie Haines sowie die bewährte Begleitgruppe „The Pied Pipers“ (mit Jo Stafford) zu hören. Das Lied wurde alsbald sehr populär und fortan von vielen Big Bands und Vokalisten gecovert.
Billy May schrieb 1957 ein neues Arrangement für Sinatra, der das Stück – um einige Strophen gekürzt – in sein legendär gewordenes Capitol-Album „Come Fly With Me“ integrierte (#3). Einige Wochen später bot er das Lied in seiner Fernsehshow auf ABC auch als Duett mit Erin O’Brien dar. (#4).
Als Sinatra 1976 schließlich in John Denvers Fernsehshow zu Gast war und nacheinander mit den Bands von Harry James, Tommy Dorsey, Nelson Riddle und Count Basie in einem Riesen-Medley seine bisherige Karriere Revue passieren ließ, bildete ein Duett mit Denver zu „Let’s Get Away From It All“ den Auftakt. Dorsey war zu diesem Zeitpunkt schon fast 20 Jahre tot, doch die Band gabs es noch, geleitet von Murray MacEachern – eine Rückkehr zu den Anfängen also.
Außer bei seinen Auftritten mit Dorsey im „Meadowlands“ und später im New Yorker Paramount Theatre 1941 hat Sinatra das Lied auf der Bühne offenbar nie gesungen.
Diskographie:
(1) „Tommy Dorsey & Orchestra Live“ (CBS Radio) vom 11.2.1941
Übertragung aus Cedar Grove/NJ, The Meadowlands
Tommy Dorsey & His Orchestra; Gesang: Frank Sinatra, Connie Haines, The Pied Pipers
Arrangement: Sy Oliver - Trompetensolo: Ziggy Elman
Orchester geleitet von Tommy Dorsey
CD: Frank Sinatra Vol. 5 (Masters Of Jazz MJCD 63)
(2) RCA VICTOR-STUDIOAUFNAHME vom 17.2.1941
aufgenommen In New York City, RCA Studio 1
Tommy Dorsey & His Orchestra; Gesang: Frank Sinatra, Connie Haines, The Pied Pipers
Arrangement: Sy Oliver - Trompetensolo: Ziggy Elman
Orchester geleitet von Tommy Dorsey
Originalsingle: RCA Victor 27377 (verteilt auf beide Seiten)
CD: The Songs Is You: Complete Sinatra-Dorsey Recordings (RCA 5 CD set)
(3) CAPITOL-STUDIOAUFNAHME vom 1.10.1957
aufgenommen in Hollywood, Capitol Tower (take 7)
Arrangement: Billy May
Orchester geleitet von Billy May
Album/CD: Come Fly With Me (Capitol)
(4) „The Frank Sinatra Show“ (ABC TV) vom 22.11.1957
aufgenommen in Hollywood, El Capitan Theatre
Duett mit Erin O’Brien
Arrangement: Billy May & Nelson Riddle
Orchester geleitet von Nelson Riddle
(5) „John Denver and Friend“ (NBC TV) vom 29.3.1976
aufgezeichnet am 29.2.1976 in Las Vegas, The Sahara Hotel
Duett mit John Denver
Arrangement: Sy Oliver
Tommy-Dorsey-Orchester geleitet von Murray MacEachern
Stimmen zum Song:
Tim Bialek:
Der Dorsey-Chart versprüht den Charme der damaligen Zeit der großen Bands mit einem schön swingenden, fröhlichen Arrangement von Sy Oliver, das zum Text passt. Es bietet die gesamte Dorsey-Crew von damals - einschließlich Pied Pipers mit Jo Stafford und der zweiten Solo-Sängerin neben Sinatra, der blutjungen Connie Haines. Diese offenbar noch sehr rüstige Dame tritt heuer übrigens immer noch auf; nunmehr in den zarten 80ern und nach einem schweren Unfall im Rollstuhl sitzend.
Aber zunächst eröffnet Dorseys unnachahmliches Posunenspiel die Version und Jo Stafford singt allein die einleitenden Verse; sie und die Pied Pipers übernehmen dann den ersten Chorus. Danach liefern sich Connie Haines und Sinatra ein nettes Zwiegespräch, das von einem recht wilden Trompetensolo von Ziggy Elman unterbrochen wird.
Jener Elman bildete drei, vier Jahre zuvor mit Harry James und Chris Griffin im Orchester von Benny Goodman die wohl berühmteste Trompeten-Section der Big-Band-Zeit. Ende der 40er leitete er für kurze Zeit eine eigene Band und begleitete Sinatra 1949/50 im Radio bei vielen "Light Up Time Shows."
Neben dem 30.04.1953, der wohl ersten verbrieften Session mit Nelson Riddle, muss man wohl den 01.10.1957 fast gleichwertig daneben stellen: Sinatra nimmt an diesem Tag im Capitol Tower die ersten Stücke unter der Stabführung von Billy May auf; für mich einer der witzigsten und kreativsten Arrangeure überhaupt.
Wenn man sich Mays Bio mal ansieht, dann entstammt er wie Riddle auch aus der Zeit der Big Bands: Er spielte Trompete (die er sich übrigens in seiner Jugend im Selbststudium beibrachte!) im Glenn Miller Orchester. Er machte sich später einen Namen als Komponist bei Cartoons: Jeder von uns hat sicher schon mal einen der unzähligen Zeichentrickfilme mit dem Kater "Sylvester" und dem Piepmatz "Tweety" gesehen. May schrieb die Musiken dazu.
Vielleicht auch nicht allen bekannt sein dürfte, dass Capitol führend bei der Produktion von Märchenplatten war, für die May ebenfalls die musikalische Umrahmung beisteuerte.
Auch hatte May anfangs seine eigene Band, mit der er auf Tour ging, die er jedoch später an Ray Anthony verkaufte; ebenfalls jemand, den wir über Sinatra-Aufnahmen kennen und der - so wie May - heute noch lebt und aktiv ist.
May nahm auch danach noch oft mit einem Studioorchester Instrumentalarrangements auf, die unverkennbar seine Handschrift trugen. Typisch für seinen Sound waren die "schlürfenden Saxophone", die unisono einen Ton in einem relativ langen Bogen von unten nach oben (oder umgekehrt) ziehen. Gerne setzte er auf witzige Instrumentierungen, nahm Tuba, Vibra- oder Xylophon mit hinzu.
All das passierte, bevor May und Sinatra sich zum ersten Mal für ihr erstes gemeinsames Album "Come Fly With Me" am 01.10.1957 im Studio trafen und auch den oben beschriebenen typischen May-Sound können wir bei "Let's Get It Away From It All" hören.
May ist ohne Zweifel jemand mit einem besonderen Faible für Humor und überraschende Einfälle: Man höre mal die Einleitung mit der Mischung aus Flöten und gestopften Trompeten. Auch der Einsatz von Tuba und Vibraphon hat bei ihm etwas Kindisches, Verspieltes. Sicher etwas, das er sich von seiner Arbeit mit Sylvester, Tweety und den Märchenplatten erhalten hat.
Insgesamt muss ich sagen, dass mir diese Version etwas besser gefällt. Sie hat einfach Frische und vor allem: Sie swingt noch besser und versprüht wirklich die Vorfreude auf Urlaub, Sonne und Frohsinn.
Im damaligen Orchester bei dieser Session für "Come Fly With Me" (das Album wurde Nr. 1 der Charts) spielte übrigens jener Murray McEachern Posaune, den Bernhard bereits erwähnte und der fast zwanzig Jahre später bei der Fernsehproduktion "John Denver & Friend" das Tommy Dorsey Orchester leiten sollte.
In "John Denver & Friend" erleben wir einen der schönsten TV-Auftritte Sinatras. Ein bombastisches Aufgebot mit den Orchestern von Harry James, dem Tommy Dorsey Orchester und dem von Nelson Riddle plus Count Basie am Piano machen die Sache zu einem unvergesslichen Sinatra-Erlebnis.
Schöne Erinnerungen kommen auf, wenn Sinatra mit Gesangsgruppe (including John Denver) in einem Medley, zum Teil mit den alten Arrangements, an seine Dorsey Zeit erinnert: "I'll Nver Smile Again"; "Let's Get Away From It All" (im Wechsel mit Denver); "Imagination"; "Polka, Dots And Moonbeams" (Denver) und "There Are Such Things."
Insgesamt drei schöne Versionen dieses Titels, die wirklich Spaß machen. Aus oben erwähnten Gründen und weil die letzte ja nicht als vollwertige Version zu betrachten ist, gebe ich Capitol den Vorzug.
Alfred Terschak:
Nachdem ich das John Denver Special zwar einmal gesehen habe, es aber selbst nicht besitze und mich der Song offenbar auch nicht so beeindruckt hat, bleibt für mich bei der Wahl zur besten Version, realistischerweise nur die Entscheidung zwischen den beiden Studioaufnahmen mit Dorsey und von "Come Fly With Me".
Wie meine Entscheidung ausgeht? Nun, Dorsey ist bei mir Stimmungssache und "Come Fly With Me" eines meiner Lieblingsalben (alleine das Cover!), und daran hat auch diese Version von "Let's Get Away From It All" seinen Beitrag. Großartig was Frank hier aus einem ältlichen, zwar ganz netten, aber denn doch eher nur 08/15-Song auf einmal zaubert. Aber wie gesagt, "Come Fly With Me" ist für mich das MUSTERBEISPIEL des themenbezogenen Concept-Albums, und als solches eines der besten Werke der Musikgeschichte. Schön auch wie abwechslungsreich das Album ist, da trägt auch unser Topic-Song etwas bei.
Bernhard Vogel:
Die Capitol-Version ist klasse, ohne Frage - aber dieser Song ist bei mir einer der (eher wenigen) Fälle, bei denen ich glaube, daß die Dorsey-Version nicht zu überbieten ist. Der Song funktioniert als Duett irgendwie besser, und Connie und Frank werfen sich die Zeilen prima "um die Ohren". Abgesehen von dem tollen Swing-Chart von Sy Oliver, "die goldene Ära der Tanz-Bands" ist hier par excellence eingefangen. Wunderbar!
Marcus Prost:
Die fröhliche längere Fassung mit den Pied Pipers gefällt mir sehr gut, ich höre sie recht häufig, doch gebe ich der Capitol-Aufnahme von 57 dann doch den Vorzug. In jedem Fall leicht swingende Musikunterhaltung der besten Sorte, ideal um gute Laune zu bekommen.
