I’ve Got The World On A String
Text & Musik
Ted Koehler & Harold Arlen
Infos
Als sich Frank Sinatra vor 50 Jahren anschickte, seine Karriere durch die Aufnahmen bei Capitol Records einem neuen Höhepunkt entgegenzuführen, wurde dieses Lied rasch zu einem Symbol für den „neuen Sinatra-Sound“: I’ve Got The World On A String, aus seiner ersten Aufnahmesession mit seinem neuen Arrangeur Nelson Riddle (1921-1985).
Das Stück, das zu den Klassikern des Great American Songbook schlechthin gehört, wurde im Jahre 1932 für eine Revue-Serie im legendären „Cotton Club“ in Haarlem, New York, geschrieben, und dort als erstes von einer Sängerin namens Aida Ward gesungen. Komponiert wurde der Song von Harold Arlen (1905-1986), einem der bekanntesten amerikanischen Komponisten des 20. Jahrhunderts, aus dessen Feder so berühmte Filmsoundtracks wie „The Wizard Of Oz“ (1939) oder auch Sinatra-Klassiker wie „One For My Baby“ stammen. (Unter http://www.haroldarlen.com findet sich eine ganz phantastisch aufgemachte Website mit vielen Infos über diesen großen Künstler). Den Text steuerte Ted Koehler (1894-1973) bei, der ebenfalls in die vorderste Reihe der amerikanischen Songschreiber dieser Zeit gehört („Stormy Weather“). Beide, Arlen und Koehler, arbeiteten 1930-1934 für eine Reihe von Revuen im Cotton Club zusammen.
Sinatra sang das Lied wohl zum ersten Mal bei Konzerten im Herbst 1952; 1953 dann aber nahm er es, wie eingangs bereits erwähnt, bei seiner ersten Capitol-Session mit Nelson Riddle auf (=Version #1 in der Diskographie unten). Die Aufnahme wurde zunächst als Single herausgebracht (erreichte Platz 14 in den Billboard-Charts), dann später auch auf einem Capitol-Album („This Is Sinatra“), und gehört sicher zu Sinatras bekanntesten Aufnahmen überhaupt.
Über 40 Jahre und viele hundert Versionen hinweg blieb dieses Stück ein stetes Highlight in Sinatras Repertoire, im Fernsehen ebenso wie auf der Konzertbühne. Nach einer ganzen Reihe von Radio- bzw. TV-Fassungen aus den Fünfziger Jahren (#2-6) und einer Aufnahme mit Count Basie (#7) war das Lied auch Teil von Sinatras Grammy-gekröntem TV-Special „A Man and His Music“ von 1965 (#8) sowie des Comeback-Specials „Ol’Blue Eyes Is Back“ von 1973 (#10).
1973 nahm Reprise Sinatras Galakonzert im Weißen Haus (bei einem Dinner für den italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti auf Einladung von Präsident Richard Nixon) auf, bei dem er unter anderem auch dieses Lied sang (#9), offiziell sind die Aufnahmen bis heute leider nicht herausgekommen. Offiziell erschienen sind hingegen Konzertfassungen von 1982 (#11) und 1991 (#12). Im Juli 1993 schließlich nahm Sinatra das Stück, 40 Jahre nach seinem dortigen Debut, nochmals für Capitol auf; daraus produzierte man das Duett mit Liza Minnelli für das erste der beiden „Duets“-Alben (#13). Als Frank Sinatra schließlich am 25.2.1995 sein allerletztes öffentliches Konzert gab (beim Palm Springs Golf Tournament), eröffnete „String“ seinen Auftritt.
Das Arrangement von Nelson Riddle war in all den Jahrzehnten unverändert geblieben. Im Juni 1993 hatte Sinatra auch sein letztes triumphales Europakonzert auf dem Kölner Roncalliplatz mit diesem Lied begonnen, und der „Kölner Stadt-Anzeiger“ titelte in Anspielung auf den Text am folgenden Tag treffend:
„SINATRA: DIE WELT AM FADEN UND KÖLN FEST IM GRIFF“.
Infos: Bernhard Vogel
Diskographie:
(1) CAPITOL-Studioaufnahme vom 30.4.1953
aufgenommen in Hollywood, KHJ Studios (take 10)
Arrangement: Nelson Riddle
Orchester geleitet von Nelson Riddle
Erstveröffentlichung als Capitol-Single (#2505) 1953
Album: This Is Sinatra! (Capitol) 1956
CD: Capitol Collectors Series; The Capitol Years (3 CD set); Complete Capitol Singles Collection und andere
(2) BBC-Radioaufnahme („Showband Show“) vom 16.7.1953
aufgenommen in London, BBC Studios
Arrangement: Nelson Riddle
Orchester Cyril Stapleton
(3) „The Milton Berle Show“ (NBC TV/Buick) vom 29.9.1953
aufgenommen in Hollywood
Arrangement: Nelson Riddle
Orchester geleitet von Allen Roth
(4) „The Colgate Comedy Hour“ (CBS TV) vom 29.11.1953
aufgenommen in Hollywood
Arrangement: Nelson Riddle
Orchester geleitet von Buddy Bregman
(5) „Club Oasis“ (NBC TV) vom 18.1.1958
aufgenommen in Hollywood
Arrangement: Nelson Riddle
Orchester geleitet von Nelson Riddle
(6) „An Afternoon With Frank Sinatra“ (ABC TV/Timex) vom 13.12.1959
aufgenommen am 10.12.1959 in Hollywood
Arrangement: Nelson Riddle
Orchester geleitet von Nelson Riddle
(7) „The Hollywood Palace“ (ABC TV) vom 16.10.1965
aufgenommen in Hollywood, Palace Theatre
Arrangement: Nelson Riddle
Count Basie & His Orchestra geleitet von Quincy Jones
(8) „A Man and His Music“ (NBC TV/Budweiser) vom 24.11.1965
aufgenommen am 17.11.1965 in Hollywood
Arrangement: Nelson Riddle
Orchester geleitet von Nelson Riddle
Video/Laserdisc/DVD (Warner)
(9) REPRISE-Liveaufnahme vom 15.4.1973
aufgenommen in Washington DC, Weißes Haus, East Ballroom
Arrangement: Nelson Riddle
The U.S. President’s Marine Band geleitet von Nelson Riddle
offiziell unveröffentlicht (CD: „The White House Concert“ JRR 173-2)
(10) „Ol’Blue Eyes Is Back“ (NBC TV/Magnavox) vom 18.11.1973
aufgenommen am 20.9.1973 in Hollywood
Arrangement: Nelson Riddle
Orchester geleitet von Don Costa
Video/Laserdisc/DVD (Warner)
(11) WARNER-Liveaufnahme vom 20.8.1982 („Concert For The Americas“)
aufgenommen in La Romana (Domnikanische Republik), Altos de Chavon Amphitheatre
Arrangement: Nelson Riddle
Orchester geleitet von Vincent Falcone jr.
Video/Laserdisc/DVD (Warner)
(12) ABC-Liveaufnahme vom 6.3.1991 („Sinatra – The Final Curtain“)
aufgenommen in Melbourne (Australien), National Tennis Centre
Arrangement: Nelson Riddle
Melbourne Symphony Orchestra geleitet von Frank Sinatra jr.
Video (ABC)
(13) CAPITOL-Studioaufnahme vom 1.7.1993
aufgenommen in Hollywood, Capitol Studios A (take 2)
Arrangement: Nelson Riddle
Orchester geleitet von Patrick Williams
Duett mit Liza Minnelli (ihr Part aufgenommen am 29.8.1993 in Rio de Janeiro, Brasilien)
Album: Duets
(Soloversion auf inoffizieller CD)
Übersetzung
ICH HALTE DIE WELT AN FÄDEN
(I've Got The World On A String)
Ich halte die Welt an Fäden
Ich sitze auf einem Regenbogen
Habe die Fäden um meine Finger gewickelt
Was für eine Welt, was für ein Leben- ich bin verliebt
Ich habe ein Lied, das ich singe
Ich kann den Regen verschwinden lassen
Ständig bewege ich meine Finger
Ich Glücklicher, siehst du nicht, daß ich verliebt bin
Das Leben ist wunderbar
So lange ich die Fäden festhalte
Ich wäre verrückt, wenn ich sie jemals gehen lasse
Übersetzung:Verena Kroniger
für Frank Sinatra - The Main Event
http://www.the-main-event.de
Stimmen zum Song:
Tim Bialek:
Der Song lebt ohne Zweifel vom Spannungsbogen, der sich im langsamen Anfangsteil bis zum krachenden Bläsereinwurf aufbaut. Bis dahin hat Sinatra schon reichlich Gelegenheit mit Tempo und Melodie zu spielen, was er natürlich seit der Studioaufnahme immer weiter verfeinert.
Danach erleben wir einen entfesselten Sinatra, dem man den ganzen Überschwang in jeder Sekunde anmerkt. Der Song ist eine Hommage an die pure Lebensfreude in den Augen eines Frischverliebten und das kann Sinatra transportieren wie kaum ein anderer. Man achte nur mal immer auf die vorletzte Zeile "this is the life" oder „there ain’t no other way of life“ von den verschiedenen Aufnahmen und man wird merken, dass gerade an dieser Stelle sich der ganze Überschwang geradezu ekstatisch entleert. Mit der Zeit wird er hier immer höhere Noten singen.
Eine ähnliche Stelle, an der man die ganze Lebensfreude abhören kann, ist „Life’s (such) a marvelous thing.“
Riddles Genialität besteht ohne Zweifel vor allem darin, dem Sänger genügend Raum zu geben, um mit Melodie und Phrasierung zu spielen. Selbst wenn man die von Bernhard angesprochenen hunderte Mitschnitte alle durchhören würde, man würde mit Sicherheit nicht zweimal die gleichen finden. Er singt diesen Song wirklich immer anders!
Wie sehr gerade das Riddle-Arrangement diesen Überschwang in Sinatra zu erzeugen vermag, wird man vielleicht erkennen, wenn man sich dagegen mal das Arrangement von George Siravo anhört, das Sinatra z.B. in Blackpool am 26.07.1953 aufführt. Seine Performance ist technisch wie musikalisch einwandfrei, aber die rechte Begeisterung mag nicht entstehen, obwohl auch Siravo Spannung aufbaut, indem er Sinatra den Anfang nur mit Klavierbegleitung singen lässt.
Wäre vielleicht mal interessant, wenn man wüsste, warum er hier dieses Arrangement singt, obwohl er in der Anmoderation die Studioversion anpreist, die bald erscheinen werde und die er noch 10 Tage zuvor bei der BBC gesungen hatte.
Ebenfalls erwähnenswert scheint mir die bis heute nicht identifizierte Radioshow von 1954, bei der Sinatra von den "Sinatra-Symphonette" und einem Streichersatz begleitet wird, der aber eher überflüssig ist. Auch hier wird Sinatra zunächst nur vom Klavier unterstützt und in Ermangelung eines vollen Bläsersatzes gibt er das Signal zum Loslegen einfach selber, indem er einmal mit den Fingern schnippt. Von jetzt an spielen die Symphonette praktisch das Riddle-Arrangement und der Zauber ist wieder da.
Eine ganz ähnliche Version erleben wir im September 1953 im Riveira.
Auch in Australien 1955 lässt er sich am Anfang nur vom Klavier begleiten, das Orchester setzt erst ab dem up-tempo-Teil ein. Vielleicht verzichtete man deswegen auf die fanfarenartige Einleitung der Bläser, weil das ortsansässige Orchester grottenschlecht war.
Allerdings ist dies wohl das erste erhalten gebliebene Konzert, bei dem „String“ die Anfangsnummer ist. Fast genau 40 Jahre später, sollte es bei dem nach ihm benannten Golfturnier auch seinen letzten eigenen Auftritt einläuten.
Beim Fernsehspecial „An Afternoon with Frank Sinatra“ vom Dezember 1959 hören wir dann zum ersten Mal 1:1 die Fassung live aufgeführt, die bereits über sechs Jahre zuvor im Studio eingespielt worden war (mit einer etwas längeren Einleitung durch die Saxophone als wir es von den späteren Konzerten her kennen). Man merkt ihm die Freude an, die er mit diesem Chart verbindet: Passend zum Überschwang des Stückes stellt sich „The Voice“ auf zwei Stühle und liefert eine grandiose Interpretation hab. Das Fingerschnippen ist dafür immer ein guter Indikator.
Lebensfreude und Spaß drückt er natürlich auch immer wieder durch Spielereien mit dem Text aus, so z.B. in Sydney 1961: „Life’s a Ring-a-Ding-Thing, long as I hold the swing.“ Und später: „Man, this is the life!“
Zwei absolut entfesselte Versionen erleben wir dann im Hollywood Palace im Oktober 1965 und einen Monat später beim TV-Special „A Man And His Music.“
Nach Sinatras Rücktritt vom Rücktritt wäre die Performance im White House (April 1973) vielleicht zum Meilenstein geworden, hätte Herr Nixon nicht darauf bestanden, seine „eigene“ Band spielen zu lassen.
Die Entschädigung folgt wenig später beim Fernsehspecial „Ol‘ Blue Eyes Is Back“ (November 1973).
Der Song taucht immer wieder bei besonderen Anlässen auf, ob nun beim Comeback im Weißen Haus, beim Special „A Man And His Music“, beim 40jährigen Jubiläum mit Harry James im Los Angeles Amphitheater (Juni 1979) oder beim TV-Special „The First 40 Years. “ Hier erleben wir einen Sinatra, der so überwältigt von den Darbietungen seiner Freunde anlässlich seines 40jährigen Jubiläums auf der Bühne ist, dass er wie ein Kind bei „String“ auf der Bühne herumspringt. Gott sei Dank ist er Zeit seines Lebens immer ein großes Kind geblieben.
Sinatra findet immer neue Kniffe, den Zuhörer an seiner Freude an dem Song teilhaben zu lassen: Ob er bei einigen Auftritten 1979 das „Hey now“ ein paarmal wiederholt, ob er ab Anfang der 80er bei der letzten Zeile den Ton bei „I’m in love“ in einem langen Bogen von unten nach oben zieht; bei diesem Song ist Sinatra immer für eine Überraschung gut.
Als in der Arena in Verona wie ein begossener Pudel im Regen steht und bei der Zeile „I can make the rain go anytime I move my finger“ ankommt, fühlt er sich dem ebenso pitschnassen Publikum verpflichtet zu versichern, dass er das Wetter nicht gemacht hat („not tonight“).
Franks nachlassende Stimmkraft führte spätestens ab Beginn der 90er dazu, dass er die langen Töne insbesondere zum Ende des Songs nicht mehr aushalten konnte bzw sie nicht mehr traf. Darunter hat gerade dieses Lied in meinen Ohren sehr gelitten, weil er z.T. sehr müde klingt und das ist natürlich gerade für diesen Song das pure Gift.
Für „Duets“ reißt er sich nochmal zusammen und wenn man den Song von ihm alleine hört, dann kann er sich durchaus hören lassen, allerdings das Feuer von einst vermag er nicht mehr zu entfachen. Eine gewisse Müdigkeit ist unüberhörbar.
Allerdings muss man auch festhalten, dass es von fast allen Standardnummern Sinatras gegen Ende seiner Karriere richtig schlechte, ja unterirdische Versionen; mit Textaussetzern, Gestammele und Ähnlichem gibt. Das kann man von dieser Nummer eigentlich nicht sagen. Ich habe mir über die Tage an die 50 unterschiedliche Aufnahmen, die ich von dem Song habe, angehört; eine richtig miese habe ich dabei nicht gefunden.
Vielleicht ein kleiner Beleg dafür, wie viel der Song Frank wohl bedeutet haben mag.
Sieht man ja auch daran, dass er damit seine „Last Performance“ beginnt.
Es fällt mir schwer, beste Versionen zu benennen. Ich tendiere zu „An Afternoon with Frank Sinatra“ (1959), Hollywood Palace und „A Man And His Music“ (beide 1965) sowie „The First 40 Years“ (1979).
