Only One To A Customer
Text & Musik
Text von Carolyn Leigh, Musik von Jule Styne
Infos
Schon alleine die ganzen Musiktitel aufzuzählen, die wir Sinatras Zusammenarbeit mit dem jetzt verstorbenen Billy May verdanken, würde den Rahmen jeder Kolumne sprengen. Alben wie „Come Fly With Me“ oder „Come Dance With Me“, das Ellington-Album oder „Trilogy-The Past“ sprechen für sich. Und all dies ist wiederum nur ein kleiner Ausschnitt von Mays Gesamtwerk, der außer mit vielen anderen Vokalisten auch zahlreiche Filmmusiken und viele Instrumental-Alben herausbrachte.
Schon 1939, noch bevor Sinatra als Sänger bei Harry James einstieg, war ihm Billy May erstmals begegnet, und es entstand eine lebenslange Freundschaft. Während Sinatra 1940-1942 bei Tommy Dorsey kometengleich zu „The Voice“ wurde, gelang Billy May in derselben Zeit sein internationaler Durchbruch als Leadtrompeter und Arrangeur im Orchester von Glenn Miller: Mays Soli sind u.a. in Glenn Millers Welterfolg „American Patrol“ zu hören; zu seinen Arrangements für Miller gehört u.a. „Take The A Train“.
Mitte der Vierziger Jahre schrieb Billy May erste Arrangements für Sinatra, für seine Auftritte in „Your Hit Parade“. Das erste davon war „Don’t Fence Me In“, viele weitere folgten, teils unter eigenem Namen, teils als „Ghostwriter“ für den vielbeschäftigten Axel Stordahl.
Die Songs, die Sinatra bei seiner ersten Aufnahmesession für Capitol Records (2.4.1953) einspielte, wurden lange Zeit (auch auf den von Capitol herausgebrachten Singles selbst) Billy May zugeschrieben, waren aber in Wahrheit nur im Billy-May-Stil von Nelson Riddle arrangiert worden. Darin zeigt sich, daß Sinatra May ‚auf der Rechnung‘ hatte, als er bei Capitol begann. 1957 wurde mit „Come Fly With Me“ die Zusammenarbeit im Studio dann Wirklichkeit.
Sieht man von den beiden Duets-Projekten 1993/1994 einmal ab, so schrieb Billy May auch die Arrangements für die letzten „neuen“ Songs, die Frank Sinatra 1986 bzw. 1988 im Studio aufnahm. Einer davon soll im Gedenken an Billy May daher diesmal das Thema sein: „Only One To A Customer“.
Jule Styne und Carolyn Leigh hatten das Lied für Sinatra geschrieben, und im Herbst 1986 nahm Ol’Blue Eyes es für Reprise auf. Bis 1995 blieb das Stück, das Sinatra auch einige Male im Konzert vortrug, allerdings unveröffentlicht – neben „My Foolish Heart“ (1988) ist es der letzte von vielen Sinatra-Billy May-Swingern geworden.
Billy May war seit vielen Jahren Ehrenmitglied der Sinatra Music Society und besuchte mehrmals den Londoner Zweig. Faszinierend und unterhaltsam konnte er bei dieser Gelegenheit erzählen, er steckte voller Geschichten, die genauso humorvoll waren wie seine Arrangements.
One more for the customer....
Bernhard Vogel für Sinatra - The Main Event
Stimmen zum Song:
Bernhard Vogel:
Sinatra geht hier klar scharf an die Grenzen seiner fast einundsiebzigjährigen Stimme. (Und nicht zu vergessen, nur 8 Tage später lag er auf Leben und Tod in der Not-OP des Eisenhower Center in Palm Springs).
Aber er schafft es, vielleicht zum letzten Mal in seiner Karriere, einem neuen flotten Swing-Song Leben einzuhauchen.
Im Konzert sang er das Stück auch einige Male (im November und Dezember 1986 vor allem), wobei er Billy Mays Arrangement dabei etwas langsamer spielen ließ; eine sehr schöne Livefassung vom 27.12.(!) 1986 gibts auf einer inoffiziellen CD. Die "langsamere" Swingfassung ist vielleicht sogar noch etwas runder gelungen als die Studioaufnahme.
Eigentlich hatte Sinatra geplant, Ende 1986 eine ganze neue LP herauszubringen, für die Billy May die Arrangements schreiben sollte bzw. es teilweise sogar bereits getan hatte. Auch die Songs und ihre Reihenfolge waren von FS bereits ausgesucht. Neben "Only One To A Customer" sollten darauf folgende Songs vertreten sein (allesamt Klassiker, aber allesamt auch Studioneuland für Sinatra!):
1. Sweet Georgia Brown
2. Do Nothin' Till You Hear From Me
3. Lady Be Good
4. Ain't Misbehavin'
5. Don't Get Around Much Anymore
6. That's Entertainment
7. The More I See You
8. I Wonder Why
9. Penthouse Serenade
Nur "The More I See You" hat er zu Billy Mays Arrangement einige Male in Konzerten (1987) vorgetragen. Aus dem Rest ist (leider) nichts mehr geworden.
Alfred Terschak:
Ja,um diese Songs ist es wahnsinnig schade, gerade um The More I See You, damit hätte er einen Welthit landen können.Allerdings war er davon noch weit entfernt. Also die Live-Versionen die ich kenne, sind nicht nur tontechnisch daneben. Aber wie gesagt eine Studie-LP mit diesen Titeln, das wäre was geworden. Da hätte dann nur mehr All By Myself und Smile gefehlt ...
Bernhard Vogel:
"The More I See You" hat er nur beim Weihnachts-Engagement 1987 (im Bally's in Las Vegas, 26.12.-30.12.1987) viermal gebracht, mit eher begrenztem Erfolg - vielleicht wars eine Art Versuchsballon. Neue Songs geprobt hat er ja noch bis in die 90er Jahre hinein (z.B. Cry Me A River 1990, auch von Billy May arrangiert), aber keinen davon mehr eingesetzt. Ich denke, zumindest nach 1988 (in dem Jahr hatte FS nochmal einen "Drive" in seiner Stimme) war das auch die klügere Entscheidung. Für so ein Album wären die frühen 80er Jahre ideal gewesen.
Andreas Est:
ICH HABE MIT DEM ÄLTEREN SINATRA MEINEN FRIEDEN (schon länger) GESCHLOSSEN! Auch deshalb mag ich diese Scheibe, stimme aber Alfred zu - 10 oder 20 Jahre früher - es wäre ein Knaller geworden ....
Marcus Prost:
Ich mußte nie meinen Frieden mit dem älteren Sinatra schließen, denn ich habe eigentlich den älteren Sinatra immer am meisten geschätzt.
Das das 86er Album nicht mehr realisiert werden konnte, kommt für mich einer der größten Tragödien der Kulturgeschichte gleich.
Ich würde gerne einige Dutzend Columbialieder gegen dieses Album eintauschen, wann das ginge
Das recht unspektakuläre "...Customer" gehört schon zu meinen liebsten Sinatra-Liedern. Man will sich gar nicht ausmalen, wie die anderen Lieder geklungen hätten.
Was würde ich für die "That´s Entertainment"-Aufnahme geben
Lieber nicht drüber nachdenken!
Tim Bialek:
Ich muss auch sagen, dass Sinatra hier noch einmal Feuer versprüht, was man bei solchen Nummern in der Spätphase leider immer weniger beobachtet. Es wäre tatsächlich zu wünschen gewesen, die angedachte Songliste wäre mit Billy verwirklicht worden...
Die Live-Version weiß ebenfalls zu gefallen, obwohl sie mir ein bisschen zu langsam ist. Er verzichtet hier klugerweise an einigen Stellen mit der Stimme hochzugehen, wo es nicht nötig ist. Trotzdem ist er sehr gut bei Stimme, was man gerade bei dem Stück merkt, denn es verlangt ihm all das ab, zu was er stimmlich damals noch in der Lage war.
Es ist eigentlich keine "typische" May-Nummer, weil sie keinen Raum für diese unglaublich spaßigen Einfälle bietet, von denen Billy so viele auf Lager hatte. Wenn man das Stück hört, so könnte es theoretisch auch von Riddle oder Byers sein.
Aber egal, es ist von Billy und damit gedenken wir zurecht an einen der größten Musiker des letzten Jahrhunderts, und da übertreibe ich nicht...
Leider scheinen das unsere Herren Musikredakteure nicht zu wissen, denn als ich den ersten, der mir bei uns über den Weg lief, darauf ansprach, dass ein großer Musiker gestorben sei, konnte der mit dem Namen nichts anfangen (war auch zu erwarten). Jedenfalls versprach er nach einigem Palaver, sich zu informieren, und am nächsten Tag lief "Come Fly With Me" (die lange 65er Version) auf der Welle, die er zu beackern hat; freilich ohne irgendwelche Erläuterungen. Ob's was mit meiner Intervention zu tun hatte, weiß ich nicht...
Holger Schnabl:
Das Arrangement von Billy May ist ein zeitlos gültiger, klassischer Swing-Chart, rhythmisch sehr gut akzentuiert mit federndem Zusammenspiel von Rhythmn- und Horn-Section. Insgesamt also gelungen, wenngleich man doch einwenden könnte, dass diesem Arrangement etwas an Originaliät mangelt – man meint unweigerlich, dies alles habe man schon in dutzenden anderer Big-Band-Aufnahmen zuvor schon einmal gehört. Mithin also etwas zu sehr den ausgetretenen Pfaden folgend, zu offensichtlich nach den alten – aber immer noch gültigen – Erfolgsrezepten gestrickt.
Solide Handwerksarbeit von May also, wie sie allerdings jeder nur halbwegs talentierte (namenlose) Arrangeur ebenfalls zustande gebracht hätte. Was gibt es nun über den Sänger zu vermelden? Nichts gutes, das kann ich schon vorwegnehmen.
Sinatra gelingt es lediglich im fulminanten Schluss-Teil des Songs, ein wenig die Erinnerung an das, wofür er in jüngeren Jahren stand, wachzurufen. Sinatra swingt einfach nicht und erweckt stellenweise den Eindruck, gegen das Arrangement zu singen und ein ums andere Mal grob aus der Spur zu laufen. Während der gesamten Laufzeit des Stückes hat er offensichtliche Probleme, dem Tempo zu folgen. Zur stimmlichem Verfassung an sich:
Es lassen sich auch hier wieder alle Kritikpunkte, die mir die Aufnahmen des alten Sinatra in der Regel vergällen, anführen: Brüchig, knarrend, ungelenk und unelastisch in den tieferen Lagen, offenbar nicht ausreichend Luft bei längeren Passagen in höherer Stimmlage sowie ein genereller, sehr deutlich ausgeprägter Anflug von Weinerlichkeit in der Stimme bei höheren Lagen, wobei gerade diese Weinerlichkeit zweifelsfrei als eine Folge des hohen Alters anzusehen ist. Ein Swing-Sänger, der nicht mehr swingt, lautet mein Fazit zu dieser Aufnahme aus der Spaeth-Phase von Sinatras Karriere.
In dieser Hinsicht ist es sicher kein großer Verlust, dass oben erwähntes Album nicht realisiert wurde. Man muss kein Prophet sein, um die Ansicht zu vertreten, das diesem Album weder bei Kritik noch bei Publicum großer Erfolg beschieden gewesen wäre, schon das 84er-Album „L.A. Is My Lady“ geriet trotz Quincy Jones und einer Heerschar von großen Namen aus dem Musikgeschäft zu einem gewaltigen Flop – soweit ich weiß, reichte es nur für Platz 58 in den amerikanischen Charts. Eine so unerwartet schlechte Platzierung im eigenen Heimatland bedeutete seinerzeit eine Demütigung für Sinatra. Anbetracht der Tatsache, dass Big-Band-Musik in der Mitte der Achtziger Jahre ohnedies ziemlich aus der Mode war, wären die Erfolgsaussichten diese geplanten 86er-Albums also von Vorneherein die allerdüstersten gewesen.
Wären nun auch die oben aufgelisteten geplanten Songs so wenig überzeugend ausgefallen, wie „Only One To A Customer“ - herrjemineh, dem Hörer des Albums hätten die Wackersteine im Bauch zu rumoren begonnen... Bei manchen dieser Songs ist es zweifelsohne schade, dass Sinatra sie nicht in den Jahren bis 1965, allerspätestens 1970 nicht im Studio aufgenommen hat, aber anno 1986 wäre er bei den alllermeisten dieser Song heillos überfordert gewesen.
Schlußendlich also ist „Only One To A Customer“ ein Song, der mir an sich sehr gut gefällt, dem ich aber einen besseren Sänger gewünscht hätte. Ein Tony Bennett beispielsweise würde auch heute noch in der Lage sein, jederzeit eine mitreissende Version des Titels abzuliefern.
